Freiheit die ich meine

Der Artikel bezieht sich auf die ‘philosophische’ Diskussion von Marius, Max und Nick in der Folge 15 des NerdZoom Podcast von Stunde 1:29h bis 1:50h.

Neben dem bekannten Verhalten von Richard Stallman bei Einladungen zu Veranstaltungen und seine Einstellung zu Begrifflichkeiten im Umfeld von Linux, ging es im Podcast um die Bedeutung von Wahlfreiheit und Freier Software. Die interessante Diskussion nehme ich zum Anlass, etwas Klarheit über die Begriffe Freiheit und Freie Software zu schaffen.

Im Artikel erläutere ich den Unterschied zwischen den beiden Begriffen und nehme Stellung zur Frage welche Bedeutung der freie Wille auf Freie Software hat.

Zunächst möchte ich die Begriffe klären bevor ich eine Bewertung abgebe.

Freiheit
Wikipedia: “Freiheit (lateinisch libertas) wird in der Regel als die Möglichkeit verstanden, ohne Zwang zwischen unterschiedlichen Möglichkeiten auswählen und entscheiden zu können. Der Begriff benennt in Philosophie, Theologie und Recht der Moderne allgemein einen Zustand der Autonomie eines Subjekts.”

Kurz gesagt bedeutet Freiheit die zwanglose Wahlfreiheit eines Menschen (Subjekt). Das bezeichnet man auch als den ‘freien Willen’.

Inwiefern ein Mensch frei entscheiden kann, ist in der Wissenschaft umstritten bzw. widerlegt. Grundlage dafür ist das Libet-Experiment. Der Mensch kann nicht frei entscheiden, weil er kein freies Wesen ist, sondern aufgrund seiner Prägung befangen ist. Die meisten Menschen glauben, sie könnten frei entscheiden wenn sie Wahlmöglichkeiten haben und sich zwangfrei fühlen. Tatsächlich tun wir nicht, was wir wollen, sondern wir wollen, was wir tun.

Die einzige freie Entscheidung ist die, die ein perfekter (vollständig entropischer) Zufallsalgorithmus treffen würde. Davon ist der Mensch weit entfernt.

Trotzdem nehme ich für diesen Artikel den subjektiv freien Willen des Menschen als gegeben an. Dieser freie Wille lässt alle Entscheidungen zu, die im Wahlspektrum liegen. So ist es z.B. möglich, dass sich ein Mensch im Rahmen einer freien Willensäusserung gegen die Freiheit entscheidet, indem er z.B. ‘freiwillig’ ins Gefängnis geht (Podcast ab 1:46h). Hier darf man nicht Ursache und Wirkung verwechseln. Zuerst kommt der freie Wille als Ursache und danach das Gefängnis als Wirkung der Willensentscheidung.

Freie Software
Die 1985 von Richard Stallman gegründete Free Software Foundation (FSF) definiert Software als Freie Software, wenn dem Empfänger per Lizenz folgende Freiheiten eingeräumt werden:

  • Freiheit 0: Die Freiheit, das Programm auszuführen, wie man möchte, für jeden Zweck.
  • Freiheit 1: Die Freiheit, die Funktionsweise des Programms zu untersuchen und eigenen Bedürfnissen der Datenverarbeitung anzupassen.
  • Freiheit 2: Die Freiheit, das Programm weiterzuverbreiten und damit seinen Mitmenschen zu helfen.
  • Freiheit 3: Die Freiheit, das Programm zu verbessern und diese Verbesserungen der Öffentlichkeit freizugeben, damit die gesamte Gemeinschaft davon profitiert.

Im Gegensatz zum oben erläuterten ‘philosophischen’ Freiheitsbegriff handelt es sich bei Freier Software um einen lizenzrechtliche Begriff, der vom Wirkungsbereich, der Tragweite und der Allgemeingültigkeit weit unterhalb der Willensfreiheit angesiedelt ist.

Freie Willensentscheidungen sind atomare Prozesse, die sich auf eine Entscheidung zu einem Zeitpunkt beziehen. Heute kann ich mich für Vanilleeis entscheiden, morgen entscheide ich mich für Erdbeereis. Selbstverständlich kann ein Mensch auch paradigmatische Entscheidungen treffen: ich entscheide mich grundsätzlich dafür, nur Freie Software zu verwenden. Dies ist vielleicht eine Empfehlung von Richard Stallman, wird jedoch von der GPL in keinster Weise gefordert da sich diese nicht auf Grundsatzentscheide (Lebenseinstellungen) bezieht sondern auf Einzelentscheide mit rechtlicher Konsequenz. Die GPL ist keine Ursache sondern Wirkung bei einer Einzelentscheidung.

Freie Software wirkt heute viel weiter als es die normative Definition der FSF vorsieht. Sie hat sich zu einer gesellschaftlichen Sicht- und Verhaltensweise entwickelt, die über den Bereich Software hinausgeht. Viele Vertreter des Freie Software-Gedankens sehen diesen mit der Community verbunden, in der ein Geben und Nehmen gelebt wird. Teilnehmer der Community setzen Freie Software ein und geben als Gegenleistung andere Freie Software oder Dienstleistungen wie Testing, Code-Reviews, Lokalisierung (Übersetzungen), Schulungen oder Promotionstätigkeiten. Damit eng verbunden sind auch kollaborative Konzepte wie sie z.B. von Wikipedia oder OpenStreetMap umgesetzt wurden. Durch freiwillige und ehrenamtliche Arbeit tragen Autoren zur Verbesserung einer Dienstleistung in quantitativer und qualitativer Hinsicht bei.

Ohne ins Detail zu gehen, sei an dieser Stelle noch auf den Unterschied zwischen Freier Software und Open Source hingewiesen. Open Source ist kein rechtlicher sondern ein technischer Begriff, der die Offenlegung des Quelltextes einer Software meint. Quelloffene Software ist eine Voraussetzung für die Freiheiten 1 und 3 von Freier Software.

 

Bewertung
Die Diskussion im Podcast vermischt Äpfel mit Birnen in doppelter Weise. Zum einen hat Freie Software nichts mit dem freien Willen zu tun; zum anderen darf man Lebenseinstellungen nicht mit Einzelentscheidungen vermischen.

Kann man sich als Computeranwender sowohl für, als auch gegen Freie Software entscheiden? Das hängt davon ab, ob man ‘entscheiden’ als Grundsatzentscheidung oder als Einzelentscheidung auffasst. Folgt man der Religion des GNUs, so handelt es sich um eine Grundsatzentscheidung (oder generelle Einstellung). Legt man den freien Willen (also die philosophische Freiheit) zugrunde, so kann ich mich im Einzelfall entscheiden. Heute verwende ich GNU/Linux, morgen benutze ich Microsoft Windows. Pragmatischer ist wohl die Use Case-getriebene Entscheidung: falls einem Computeranwender die vier Freiheiten der GPL gefallen, kann er sich für den Einsatz freier Software entscheiden, solange diese keine anderen subjektiven Freiheiten behindern. Er entscheidet von Anwendung zu Anwendung für oder gegen Freie Software, weil er bei bestimmten Anwendungen nicht die passende oder bequeme Freie Software für sich findet.

Meiner Meinung nach darf man Freie Software nicht als Grundsatzentscheidung sehen, sondern als präferierte Wahl, die nicht sakrosankt ist. Innerhalb der FSFE (Free Software Foundation Europe) gibt es immer wieder die Diskussion, wie strikt oder realitätsnah das Konzept Freier Software umgesetzt werden soll. Selbst in unserer kleine Lokalgruppe FSFE Zürich ist das oft ein Thema. Wie in jedem Verein, gibt es die Verfechter des reinen Glaubens und die Pragmatiker (zu denen ich mich zähle). Ich glaube, dass die Tendenz (wir wollen Freie Software fördern) wichtiger ist als der Absolutismus (wir setzen ausschliesslich Freie Software ein).

Einen guten Gedanken bringt Nick im Podcast (ab 1:48h). Soll ich proprietäre Software/Services (Facebook) meiden, wenn ich damit die Teilnahme an der Diskussion über Freie Software (Reichweite) verhindere? Diese Frage führt meiner Meinung nach weit über das bisher Geschriebene hinaus. Hier geht es nicht um Softwarelizenzen oder Einzelentscheide des freien Willens bei Softwareanwendungen, sondern um die gesellschaftliche und politische Einstellung eines jeden Einzelnen. Ich sehe Facebook als Instrument für Massenmanipulation; sein Geschäftsmodell beruht auf Gewinnmaximierung durch den Verkauf von personenbezogenen Daten. Dieses Geschäftsmodell ist nicht kompatibel zu dem auf Gemeinsinn aufbauenden Modell der Free Software Community.

Fazit
Die Begriffe ‘Freiheit’ und ‘Freie Software’ sollten nicht auf gleicher Ebene betrachtet werden; Freiheit ist ein philosophischer Begriff, während Freie Software im lizenzrechtlichen Kontext oder als grundsätzliche Einstellung gesehen werden kann. Im Rahmen des freien Willens kann sich jeder für oder gegen Freie Software entscheiden. Wer sich für Freie Software entscheidet, kann das für den Einzelfall (ich möchte LibreOffice verwenden) oder als Grundsatzentscheid tun (ich verwende ausschliesslich Freie Software). Oft geht die Entscheidung für Freie Software mit der Teilnahme an der Free Software Community einher um Freie Software zu fördern und um das Geben und Nehmen in dieser Gemeinschaft zu praktizieren.

 

Dieser Beitrag erschien zuerst auf Ralf’s Blog.

Ralf Hersel

GNU/Linux Anwender und Entwickler seit 2005. Publikationen in YALM und FreiesMagazin. Organisation mehrere Ubucons und Veranstaltungen in der Schweiz. Vorträge zu GNU/Linux, Privacy, Freier Software. Fellow der Free Software Foundation Europe. Hauptberuflich Informatik Projektleiter.

Ralf Hersel

Ralf Hersel

GNU/Linux Anwender und Entwickler seit 2005. Publikationen in YALM und FreiesMagazin. Organisation mehrere Ubucons und Veranstaltungen in der Schweiz. Vorträge zu GNU/Linux, Privacy, Freier Software. Fellow der Free Software Foundation Europe. Hauptberuflich Informatik Projektleiter.